Arztbesuch

Heute Morgen gegen 5 Uhr überkam mich der Unmut arbeiten zu gehen. Ich habe es satt, meine Seele an der Maschine für einen Mindestlohn zu verlieren. Ich habe es alleridngs auch nie nicht satt gehabt, in sofern hat die ganze Angelegenheit garkein Gewicht. Für mich dann anscheinend letztendlich immerhin nicht genug, sich nach was besserem umzusehen. Ich bin dann also zum Arzt gegangen um mir einen Urlaubsschein für 2,3 Tage zu holen. Da ich allgemein einen leicht kranken Eindruck mache ist das noch nie ein Problem gewesen. Ich erzähle dann meistens was von Magen-Darm und Übelkeit, frag nach Tabletten gegen Übelkeit und behaupte es läge vermutlich am Stress. Auch heute tat ich genau das, doch die Ärztin fing plötzlich an mir unerwartete Fragen zu stellen. Das Gespräch verlor jegliche Realität, und erinnerte mich an abstrakte Selbstgespräche, Dialoge die ich mit mir selbst im Kopf führe, um kommende zwischenmenschliche Situationen planen zu können.

"Ist es die Arbeit oder persönlicher Stress?" fragte Sie, für mich völlig unerwartet. Meistens improvisiere ich nicht gerne, doch ich dachte mir ich antworte einfach mal wahrheitsgemäß und guck wohin das führt. "Beides, würde ich sagen." Belass es einfach dabei, ich will doch nur diesen scheiß Wisch haben, dachte ich mir noch. "Was meinen Sie genau damit?" legte sie nach. Langsam kommt der Rubel ins Rollen, dachte ich mir noch, während ich groß ohne zu überlegen spontan antworte: "Naja, ich glaube ich empfinde Stress anders, als andere Menschen. Ich sitze trotz Abitur in diesem Sklavenjob fest, jemand anderes würde einen anderen Job finden, oder ein Studium anfangen und damit hat sich die Sache. Ich glaub ich empfinde Stress anders als andere Menschen." Was habe ich da gerade gesagt? Wieso kann ich nicht einfach mal die Klappe halten, dachte ich unmittelbar nach meinem kleinen belanglosen Statement. Sie zögerte, ein leichtes Fragezeichen überzog ihre Miene, und schon wieder öffnet sie ihren Mund: "Haben sie Freunde?"- "Ja, hab ich." -"Hängen die auch so ab?" Mit dieser Frage wollte sie vermutlich rausfinden, ob es der Lifestyle ist, die Drogen, das Umfeld, welches mich zurück hält. "Nicht wirklich, die machen alle ihre Ausbildungen, ich bin nur für nichts zu begeistern. Ich habe keine Interessen oder Leidenschaften." Die Drogen schien sie wieder verworfen zu haben, denn sie fragte mich dann noch nach meinen Eltern, ob ich Unterstützung habe, ob ich in einer Beziehung  bin, und ob ich Pläne für die Zukunft hätte. Ich antwortete wahrheitsgemäß wie deprimierend, und schilderte ihr grob die Lage. Aus meinem verhältnismäßig sicherem Auftreten zu Beginn des Gesprächs, als es nur um Magen / Darm ging, wurde immer mehr die Realität, ich wurde kleiner in meinem Stuhl, der Blickkontakt wurde weniger und die Kraft in meiner Stimme schwund.  Ich glaube Neugier war ihr Antrieb in diesem Gespräch, denn als sie mich dann fragte ob ich vielleicht Hilfe bräuchte, Tabletten als "Antrieb", wurde ihr glaube ich bewusst, dass sie mir vielleicht ein wenig nah getreten war. "Ich möchte keine Antidepressiva oder so etwas in der Art -" "Das dürfte ich Ihnen auch nicht verschreiben" - "Ich möchte auch nicht zu einem Psychologen überwiesen werden oder wie man das nennt, eigentlich wollte ich ja nur was gegen die Übelkeit." Ihre Reaktion innerhalb dieses Austausch ließ stark darauf schließen, dass sie sich ein bisschen schämte. "Ich finde das nur so traurig", sagte sie noch als sie sich ausschweifend entschuldigte, und mir mein gewünschten Zettel ausstellte. "Ich hoffe Sie kommen trotzdem nochmal in unsere Praxis, ich wollte Sie nicht verscheuchen!" legte sie schmunzelnd nach. Ich hatte ihr in dem Gespräch und unter nervösem Gelächter beider Seiten versichert, dass ich das nicht negativ aufgefasst hatte. "Ich kann verstehen, dass ich leicht und schnell einen gewissen Eindruck machen kann, ich nehme ihnen das nicht übel." sagte ich noch, bezugnehmend auf meine allgemeine depressive Art und Weltansicht. Als ich dann aufstand, um mich in Richtung des Ausgangs zu bewegen, legte sie noch nach: "Und vergessen Sie nicht was ich gesagt habe, mit 25 sind Sie noch lange nicht zu alt um zu studieren oder einen guten Beruf zu erlenen!" Ich lächelte kurz, verabschiedete mich und im Gedanken dachte ich nur wieso fühlt sich dann alles so sehr nach Ende an?

Auf dem Heimweg hatte mich dieses eigenartige Gespräch dann erst in seiner vollen Wirkung eingeholt, und mir wurde bewusst, wie unüblich, und auf merkwürdige weise bedeutungsschwanger dieses Gespräch auf mich wirkte, und ich empfand tiefe Scham. Scham für meine Wirkung auf Mitmenschen, für meine Art, für alles was ich da gerade von mir gegeben hatte.  Ich fühle mich oft wie ein Krebsgeschwürr im Leben anderer. Oft habe ich das Gefühl Ekel in anderen Menschen zu erwecken, mit der Art wie ich Dinge betrachte. Das Gespräch mit der Ärztin war nicht tiefsinnig oder weltbewegend, doch Wenn man binnen 5 Minuten von Magen / Darm auf Antidepressiva zu sprechen kommt, so gibt einem das schon zu denken. Aber auch nicht zuviel, sonst würd ich ja wissen wie falsch ich mit allem liege was ich mache und von mir gebe.  Nach diesem Gespräch, was ich hier nur grob wiedergegeben habe, wird sicher auch die Ärztin heut Abend im Bett liegen und noch einmal an mich denken, denn sie fand das ja "nur so traurig.".

20.6.16 13:53
 
Letzte Einträge: 17 Uhr 18, Ruhelos, .., You're now chatting with a random stranger. Say hi! (Teil 1), Depressionen, 0


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen

Gratis bloggen bei
myblog.de